Theorie #2: Praxistheorie

praxistheorie - handshaking

Pra­xis­theo­rie:

Im Gegen­satz zu Dis­kurs­theo­ri­en beto­nen Pra­xis­theo­ri­en weni­ger eine aus­schließ­lich auf Spra­che basier­te Kon­sti­tu­ti­on von Welt und rücken statt­des­sen den kon­kre­ten kör­per­li­chen Hand­lungs­voll­zug der Indi­vi­du­en in den Fokus sozi­al­wis­sen­schaft­li­cher Ana­ly­sen. Ursprüng­lich ent­steht der Begriff der „Pra­xis“ in der Sozio­lo­gie im Rah­men von Karl Marx‘ gesell­schafts­theo­re­ti­schen Über­le­gun­gen, wel­cher Pra­xis als „sinn­lich mensch­li­che Tätig­keit“ (Marx 1969, S. 5) beschrieb. Aus­ge­hend hier­von wur­de der Pra­xis­be­griff in viel­fäl­ti­gen Ver­zwei­gun­gen unter ande­rem von For­schern wie Georg Lukacs, Ale­xei Leont’ev, Hen­ri Lef­eb­v­re oder Klaus Otto­mey­er sowie am umfas­sends­ten schließ­lich von Pierre Bour­dieu wei­ter­ent­wi­ckelt.

In Abgren­zung zur pri­mär sprach­ba­sier­ten Macht­ana­ly­se von Dis­kurs­theo­ri­en stellt der zen­tra­le Unter­schied der Pra­xis­theo­rie jener Aspekt dar, dass der Kör­per selbst als Dreh- und Angel­punkt einer erfah­rungs­ba­sier­ten Enti­tät sowie als gestal­te­ri­sche Trieb­kraft von Welt ver­stan­den und sein in ‘Erschei­nung-Tre­ten’ als Kör­per-Pra­xis reflek­tiert wird. In Anleh­nung hier­zu las­sen sich Kör­per-Prak­ti­ken mit Theo­dor Schatz­ki (2001) auch als „embo­di­ed, mate­ri­al­ly media­ted arrays of human activi­ty cen­tral­ly orga­ni­zed around sha­red prac­ti­cal under­stan­ding” (S. 11) begrei­fen.

Vor die­sem Hin­ter­grund zielt die Pra­xis­theo­rie – ähn­lich wie die Sys­tem- und Dis­kurs­theo­rie – als ein kon­struk­ti­vis­tisch fun­dier­ter Ansatz dar­auf ab, die Vor­stel­lung, dass Sub­jek­te durch ziel­ge­rich­te­te ›Hand­lun­gen‹ und Inten­tio­nen ihre sozia­le Welt erschü­fen, durch jene Ann­sah­me zu erset­zen, dass Kör­per­prak­ti­ken kein »steu­ern­des Bewusst­sein« (Knob­lauch 2012, S. 32) erfor­der­lich machen, son­dern die­ses selbst als Fol­ge der Pra­xis anzu­se­hen sei und ver­schie­de­ne kör­per­li­che ›Regun­gen‹ – wie etwa das Ein­stel­len einer bestimm­ten Mimik oder Ges­tik – ver­in­ner­lich­te und ver­kör­per­lich­te (inkor­po­rier­te) sozia­le Kon­ven­tio­nen dar­stell­ten, die von den Indi­vi­du­en in ihrem all­täg­lich­zen Mit­ein­an­der unbe­wusst abge­ru­fen und ein­ge­setzt wür­den. Somit wird in die­ser Per­spek­ti­ve in Anleh­nung an Alfred Schütz (2003) betont, dass der Kör­per sowohl die Rol­le des Hand­lungs­or­gans als auch des Wis­sens­trä­gers ein­nimmt.

Wie Ste­fan Hirschau­er, wel­cher aktu­ell zen­tra­le Impul­se für eine sozio­lo­gi­sche Pra­xis­theo­rie lie­fert, auch hin­weist, pro­vo­ziert der Pra­xis-Begriff zudem einen empi­ri­schen Grund­ge­dan­ken: „Pra­xis ist das, was Theo­rie nicht ist“ (Hirschau­er 2017, S. 91). In die­sem Sin­ne steht der Begriff der „Pra­xis“ für eine sozi­al­theo­re­ti­sche Betrach­tungs­wei­se, wel­che das Tun der Indi­vi­du­en als kör­per­li­ches Tun nicht nur deskrip­tiv beschreibt — etwa als Art und Wei­se der kör­per­li­chen Erschei­nung -, son­dern gleich­zei­tig durch die Ana­ly­se des kon­kre­ten Tuns zen­tra­le Mecha­nis­men und Grund­struk­tu­ren über die sozia­le Wirk­lich­keit der Indi­vi­du­en frei­legt und ana­ly­siert.

Ein geeig­ne­tes Bei­spiel für eine sol­che theo­re­ti­sie­ren­de Per­spek­ti­ve stellt die inter­ak­ti­ve Ges­tik des Hand­schlags oder Dau­men-Zei­gens dar, wel­cher, spe­zi­ell im Fal­le des Dau­men-Zei­gens, je nach Rich­tungs­an­zei­ge (oben, unten oder zur Sei­te) über das Tun eine ande­re Bedeu­tung und Bewer­tung ent­fal­tet und über­trägt. Gleich­zei­tig ver­weist die inter­ak­ti­ve Ges­tik auf eine unter­schied­li­che Bedeu­tungs­kon­fi­gu­ra­ti­on inner­halb ver­schie­de­ner kul­tu­rel­ler Kon­tex­te, wel­che die zugrun­de­lie­gen­den Kon­ven­tio­nen und Codes über die kör­per­li­che Pra­xis repro­du­zie­ren und Pra­xis­theo­re­tisch als gestal­te­ri­schen Impuls erfass­bar machen.

Wäh­rend im west­li­chen Kul­tur­kreis der Dau­men nach oben all­ge­mein ver­ständ­lich ist und i.d.R. für ein „gut gemacht!“ also für eine Ges­te der Aner­ken­nung steht, die zwi­schen min­des­tens zwei Indi­vi­du­en prak­ti­ziert wird, nimmt der gestreck­te Dau­men in ande­ren Kul­tur­krei­sen die Bedeu­tung des erho­be­nen Mit­tel­fin­gers im west­li­chen Kul­tur­kreis ein, etwa in eini­gen ara­bi­schen Län­dern und dem Iran. Damit ver­weist die Pra­xis des Dau­men-Zei­gens ihrer­seits dar­auf, dass die kör­per­li­che Tätig­keit eng mit einer kul­tu­rel­len Kon­tex­tua­li­sie­rung der Kör­per ver­bun­den ist, Kul­tur ver­kör­per­licht wird, Kul­tur und Kör­per ein sym­bio­ti­sches Ver­hält­nis ein­ge­hen und die sich durch den Kör­per aus­drü­cken­den Bedeu­tun­gen je nach Kul­tur­kreis unter­schied­lich gesen­det und emp­fan­gen wer­den.

Lite­ra­tur

Hirschau­er, Ste­fan (2017): Pra­xis und Prak­ti­ken, in: Gugut­zer, Robert; Klein, Gabrie­le; Meu­ser, Micha­el (Hrsg.): Hand­buch Kör­per­so­zio­lo­gie. Band 1: Grund­be­grif­fe und theo­re­ti­sche Per­spek­ti­ven. Wies­ba­den: Sprin­ger VS, S. 91–96.

Marx, Karl (1969): The­sen über Feu­er­bach, in: MEW 3. Ber­lin: Dietz.Schatzki, Theo­dor R. (2001): Intro­duc­tion: Prac­tice Theo­ry, in: Ders.; Knorr Ceti­na, Karin; von Savi­gny, Eike (Hrsg.): The Prac­tice Turn in Con­tem­pora­ry Theo­ry. Lon­don, New York: Rout­ledge, S. 10–23.

Schütz, Alfred (2003): Das Pro­blem der Per­so­na­li­tät in der Sozi­al­welt, in: End­reß, Mar­tin; Sru­bar, Ilja (Hrsg.): Theo­rie der Lebens­welt 1. Die prag­ma­ti­sche Schich­tung der Lebens­welt. Kon­stanz: UVK, S. 181–239.

 
 
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Dennis Krämer

Dr. phil., forscht im interdisziplinären Kontext zwischen Sozial- und Sexualwissenschaft und ist aktuell an der Universität Hamburg, Fakultät für Psychologie & Bewegungswissenschaft am Arbeitsbereich "Kultur, Medien und Gesellschaft" beschäftigt. Seine Forschungschwerpunkte liegen im Bereich der Sexual- und Geschlechterforschung, Techniksoziologie und Soziorobotik. In seinen Forschungen kombiniert er theoretische und methodische Ansätze aus den Sozial- und Naturwissenschaften miteinander, um gesellschaftliche Entwicklungen kritisch zu reflektieren und weiterzudenken. Ein zentraler Bezugspunkt in seinen Forschungen stellt der gesellschaftliche Umgang mit Inter* und Trans* Personen dar, welche er hinsichtlich ihrer medizinischen, juristischen sowie auch medialen Behandlung kritisch hinterfragt und hierzu verschiedene theoretische Ansätze u.a. aus dem Spektrum der poststrukturalistischen und postkolonialen Theorie sowie der Körpersoziologie heranzieht.

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